Interview: Kinderherz-Spezialist Dr. Soto operiert für Herz bewegt

Wir möchten euch heute den Arzt vorstellen, der für Herz bewegt Kinderherzen operiert. Bereits seit vielen Jahren arbeiten wir mit Dr. Rodrigo Soto zusammen. Dr. Soto ist über die Jahre nicht nur zu einem engen Freund des Herz bewegt Teams geworden – er ist vor allem auch ein international ausgebildeter Spezialist für Kinderherzchirurgie, dem wir vollstes Vertrauen schenken. Im Auftrag von Herz bewegt hat er bereits unzählige Kinder am Herzen operiert und ihnen dadurch ein gesundes Leben ermöglicht. Im Gespräch mit Herz bewegt gibt Dr. Soto bewegende Einblicke in seine Einsätze in Ländern, in denen Herzoperationen für die meisten unerreichbar sind.

In Chile geboren, studierte und praktizierte Dr. Soto Herzchirurgie auch in Australien und Frankreich. Heute lebt er in den USA und führt seine Einsätze für Herz bewegt gemeinsam mit der Organisation Gift of Life durch, für die er als medizinischer Experte mehrere Programme in Südamerika betreut – derzeit in der Dominikanischen Republik und Bolivien.

Dr. Soto im Interview mit Herz bewegt

Was bewegte dich dazu, Kinderherzoperationen in diesen Ländern zu machen?

Als ich das erste Mal einen medizinischen Einsatz in Nicaragua machte, sah ich etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte – weder in Chile, Australien noch in Frankreich. Erstens gibt es dort oft gar keine Möglichkeit für eine Operation und zweitens haben die Leute dort kein Geld, müssen aber irgendwie dafür bezahlen. Manche Familien kamen mit allen medizinischen Materialien, die man für eine Operation braucht, ins Krankenhaus, weil dort nichts vorrätig war. Man muss operiert werden und mit allem, was der Chirurg braucht, ins Krankenhaus kommen – das ist absolut verrückt. Das hat mir die Augen geöffnet, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Und ich dachte: Oh mein Gott, ich würde so gerne helfen. So landete ich im Bereich Globale Gesundheit und begann jedes Jahr als Freiwilliger zu arbeiten.

Und dann fährt man dort hin und nach einer drei- oder vierstündigen Operation und vier Tagen im Krankenhaus ändert sich die Situation für das Kind und seine Familie um 180 Grad. Jetzt haben sie ein gesundes Kind, das keine Medikamente braucht, das wieder zur Schule gehen kann, das alles tun kann und ein normales Leben führen wird. Als ich begann, mir das vorzustellen, wurde mir klar: Ich muss das tun! Wie könnte ich nicht?
Aber das Gefühl, das ich auf meiner ersten Reise hatte, ist immer noch da. Jedes Mal, wenn wir einen Fall bearbeiten wissen wir, dass niemand sonst es tun könnte.

Was bedeutet eine solche Herzoperation für ein Kind?

Eine 3- oder 4-stündige Operation kann das Leben eines Kindes retten oder zumindest völlig verändern. Denn sobald man das Herz repariert hat, wird das Kind ein normales Herz haben und ein normales Leben führen können. Es wird einen Beitrag zur Gesellschaft leisten können, heiraten, Kinder haben können und so weiter.

Wenn man sich die Wirkung dessen, was wir tun, vorstellt, dann ist es überwältigend. Es wird nicht nur ein Loch im Herzen geschlossen, sondern die Lebenserwartung und das Leben des Kindes und seiner Familie völlig verändert. Denn diese Familien gehen seit Jahren bei den Ärzten ein und aus. Wenn sie diesen Familien sagen, dass eine Herzoperation nötig ist, dann ist das für sie im Grunde so, als würde mir jemand sagen, dass ich auf den Mond fliegen muss. Ich könnte heutzutage unmöglich auf den Mond fliegen. Es ist also etwas, das absolut unerreichbar für diese Familien ist.

Warum sind Herzoperationen für diese Kinder und ihre Familien normalerweise unerreichbar?

Erstens, weil die Familien wissen, dass niemand es kann. Dort wo sie leben, weiß keiner, wie man eine solche Operation durchführt. Und zweitens, selbst wenn sie jemanden haben, der es machen kann, müssen sie manchmal sogar ihre Häuser verkaufen, um einen Chirurgen für eine sehr begrenzte Behandlung zu bekommen. Nicht einmal die vollständige Behandlung. Dort gibt es Menschen, die zu acht oder zu zehnt in einer Einzimmerwohnung leben, weil das die einzige Möglichkeit ist, zu überleben und Medikamente für das Kind zu kaufen.

Gemeinsam mit Herz bewegt hast du inzwischen unzähligen Kindern das Leben gerettet. Welche Fälle bleiben besonders in Erinnerung?

Es gibt immer einen Fall, der einen besonders großen Unterschied macht. Alle Fälle sind natürlich relevant, aber auf jeder Reise gibt es immer einen Fall, wo man sagt: Ok, wenn wir hierherkommen und 30.000 oder 50.000 Dollar ausgeben müssen nur um dieses eine Kind zu behandeln, dann ist das gerechtfertigt. Es gibt immer ein Kind, das seit drei Monaten im Krankenhaus liegt, das ein Jahr alt ist und nur vier Kilogramm wiegt, das Herzversagen hat und jede zweite Woche eine Lungenentzündung hat… Und dann bringt man es in den OP, schließt den Ventrikelseptumdefekt und das war’s. Erledigt. So einen Fall gibt es immer. Und das ist dann auch ein großer Ansporn für alles, was wir machen.

Was braucht man für einen solchen Einsatz?

So etwas ist teuer. Die pädiatrische Herzchirurgie ist ein sehr teures Fachgebiet. Nicht nur wegen der benötigten Materialien und Gegenstände, die sehr teuer sind, sondern auch, weil man eine Menge Leute mitbringen muss. Es braucht ein komplettes Team, das einen unterstützen kann.
Welche Rolle spielt die Unterstützung von Herz bewegt?
Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung und die Vision von Herz bewegt. Monika und Herbert verstehen, dass es nicht nur darum geht, in diese Länder zu fahren und Operationen durchzuführen, sondern auch darum, ein lokales Team aufzubauen. Das ist es, was das Problem auf lange Sicht lösen wird. Aber wenn man nur hinfährt und ein paar Operationen macht, dann ist das zwar toll für die Kinder, aber man hinterlässt nichts Bleibendes. Wenn man aber dem lokalen Team hilft, ihr eigenes Programm zu entwickeln, dann hinterlässt man etwas. Das ist unsere Philosophie.

Jeder Einsatz braucht viel Vorbereitungszeit. Wie stellst du dein Team zusammen?

Der Aufbau eines Teams ist manchmal schwierig, denn es geht nicht nur darum, einfach Leute einzustellen. Man muss sich Gedanken darüber machen, woher das Personal kommt, welche Erfahrungen sie gemacht haben, welche Persönlichkeit sie haben und ob sie sich mit dem Programm wohlfühlen oder nicht. Im Fall der Dominikanischen Republik und von La Paz müssen wir zum Beispiel sicherstellen, dass wir genügend Spanisch sprechende Mitarbeiter einstellen.

Das erfordert also eine Menge Überlegungen. Manchmal brauchen wir mehr als einen Monat, um nur ein einziges Team für einen Ort aufzubauen. Und dann muss man auch noch entscheiden, welche Materialien und Gegenstände wir brauchen. Welche müssen vor Ort gekauft werden, welche in den Vereinigten Staaten? Das alles erfordert eine Menge Arbeit und Logistik. Und obendrein muss man auch noch planen, wie die Strategie für die Ausbildung aussehen soll, damit wir unser Ziel, lokale Kapazitäten aufzubauen, erreichen.

Herz bewegt ist es wichtig, eine nachhaltige Wirkung für die lokale Gesundheitsversorgung zu erzielen. Wie arbeitest du mit dem lokalen Team zusammen?

Wenn man einfach hingeht und Operationen durchführt, dann wird das lokale Team zwar etwas lernen, aber man braucht auch etwas Theorie. Man braucht Unterricht, man braucht Simulationen am Krankenbett, man muss Symposien veranstalten und so weiter. Die Dominikanische Republik ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Symposien sind zum Beispiel eine Möglichkeit, nicht nur das Team zu erreichen, das mit uns zusammenarbeitet, sondern auch den Rest der Ärzte im Land zu schulen, denn sie sind diejenigen, die die Erstdiagnose stellen. Und dann überweisen sie den Patienten – zum Beispiel mit einem Herzgeräusch – an ein Herzzentrum, das wir gerade entwickeln.

„Wenn man sich die Wirkung dessen, was wir tun, vorstellt, dann ist es überwältigend.“

— Dr. Rodrigo Soto

So kannst auch du helfen

Wir finanzieren regelmäßig lebensrettende Herzoperationen für Kinder, die sonst unerreichbar bleiben würden. Eine solche Operation kostet 4.500€, doch auch mit einer kleinen Spende kannst du bereits einen wichtigen Beitrag leisten.

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